Arsen und Spitzenhäubchen

Arsen und Spitzenhäubchen

von Joseph Kesselring

Auch gut sechzig Jahre nach der Verfilmung von Frank Capra, in der Cary Grant als Mortimer Brewster brillierte und Peter Lorre als Chirurg Dr. Einstein lebhaft in Erinnerung blieb, hat Joseph Kesselrings Bühnenstück Arsen und Spitzenhäubchen nichts von seinem Charme verloren oder gar Staub angesetzt. Wie auch könnten die spleenigen alten Jungfern Martha und Abby Brewster noch älter geworden sein?
Sie sind vielmehr stets verdächtig wohlgelaunt und lebendig und fürchten sich nicht einmal vor einem leibhaftigen Mörder mit dem so unerhört attraktiven Gesicht eines gewissen Herrn Frankenstein. Dieser missratene Neffe namens Jonathan Brewster wurde in der frühen Bühnenversion des 1941 geschriebenen Stückes im übrigen von keinem geringeren als Boris Karloff gespielt, jenem Karloff, der Frankenst

Mit spottlustiger Unterhaltung und ironischem Spiel als Ingredienzien gibt sie in der plüschig-biederen Atmosphäre zwischen Kaffeekränzchen und Friedhof den Rahmen für in des Wortes Sinn “Mords-Späße” und wurde so zur vielleicht trefflichsten Kriminalkomödie, die es in der Filmgeschichte gibt.

“Auf diesem Sofa muß die Tante sterben”, sang Joachim Ringelnatz einst. Doch weit gefehlt, es sind gar nicht die alten Tanten, die hier sterben. Die beiden ehrenwerten älteren Damen Abby und Martha Brewster, gute Freundinnen des Pastors Harper und der Polizei, sie sind es, die andere sterben lassen. Giftmischerinnen unter Spitzenhäubchen und doch ach so unschuldsvolle Engel. Mit freundlichen Worten auf den Lippen, liebevoller Fürsorge und einem Schlückchen ihres selbstgemachten Holunderbeerweins kümmern sie sich rührend um ihre Opfer: ältere, alleinstehende Herren, die der Einsamkeit und des Lebens müde sind. Höchst vollkommen beherrschen die reizenden Tanten die Regeln der Gastfreundschaft, sowie der Pflichten der Nächstenliebe – und die Methoden des sanften Mordens! Als gute Hausfrauen wissen sie, daß die Prise Arsen, die dem lieben Gast zur ewigen Glückseligkeit verhelfen soll, nicht etwa in einer Tasse Tee serviert werden darf. Doch gemischt mit Holunderbeerwein verliert das Arsen wie das Sterben seine Bitterkeit. Der Gast kann sein letztes Gläschen so recht genießen. Und Martha, die perfekte Köchin, hat das Rezept gar noch verfeinert. Nur Arsen, das wäre doch phantasielos! “Auf zwei Liter Holunderbeerwein”, so erzählt sie stolz ihrem erschrockenen Neffen Mortimer, “da nehme ich einen Teelöffel voll Arsen, einen halben Teelöffel voll Strychnin und dann eine klitzekleine Prise Zyankali.” Von der Wirkung des Rezeptes sind beide Damen hellauf begeistert. “Nur einer unserer Herren”, bemerkt Abby lakonisch, “fand noch Zeit zu bemerken: Oh wie köstlich!”. Wer kann es da dem verwirrten Mortimer, der als Theaterkritiker schon manch handfestes Kriminalstück erlebt hat, verdenken, wenn er schwankt, ob er nun erst die Polizei verständigen oder sofort eine Nervenheilanstalt benachrichtigen soll. Die Polizei ist ohnehin nicht die rechte Hilfe. Denn Wachtmeister Broophy, sich zu Höherem berufen fühlend, schreibt gerade an einem Kriminalstück. Hartnäckig liegt er damit dem verehrten Theaterkritiker Mortimer Brewster in den Ohren und hat längst die Fronten von Wahn und Wirklichkeit verwischt. Die beiden liebreizenden alten Damen sollen Mörderinnen sein? Das kann sich wahrhaftig auch nur ein Kritiker ausdenken, der zu viele Kriminal-dramen gesehen hat. Und so nimmt der pflichtbewußte Officer die Vorbereitungen eines Mordes, der sich vor seinen Augen vollzieht, als dankenswerte Beflügelung seiner literarischen Phantasie hin.
Ja, es ist wirklich schwer zu sagen, wer hier noch ganz bei Troste ist. Aber eben das wollte die respektlose Geschichte vielleicht zu bedenken geben: Die Mischung von Vernunft und Verrücktheit, das tödliche Ernste von Späßen, die verwirrten Gemüter entstammen.

Wie das Stück endet? Witzig und weise zugleich. Und auf keinen Fall lebt die Komödie von der Schlußpointe. Jede Szene hat ihr Vorspiel, ihre kleine Katastrophe und auch ihre ironische Lösung in sich parat. Auf ihre Weise immer liebenswürdig und mit einer gesunden Prise Arsen, Verzeihung, Humor. Wie war das noch?
Die Dosis ist entscheidend.

Na denn, wohl Bekomms!

Das Ensemble:

Abby Brewster……………………………………………….. Maria Pollok
Reverend Dr. Harper………………………….. Jens Rainer Kalkmann
Teddy Brewster……………………………………………….Janis Zaurins
Officer Brophy……………………………………………….Mathias Junge
Officer Klein………………………………………….. Volker v. Liliencron
Martha Brewster……………………………………………….Elga Schütz
Elaine Harper……………………………………………….Verena Peters
Mortimer Brewster……………………………………….Sebastian Kraft
Mr. Gibbs……………………………………………Jens Rainer Kalkmann
Jonathan Brewster………………………………………..Sönke Städtler
Dr. Einstein……………………………………………Frank Thannhäuser
Lt. Rooney………………………………………….Jens Rainer Kalkmann
Mr. Whiterspoon……………………………………………Mathias Junge

Regie……………………………………………………….Carolanne Wright
Regieassistenz…………………………………………..Katja Burmester
Kostüm- und Bühnenbild………………………….Frank Thannhäuser
Licht…………………………………..Christiane Petschat, Jan Herrscher
Sound-Design……………………………………………Hans-Birger Koch

Pressestimmen:

BILD Hamburg:
„…schauriger Klassiker…nach außen süß, innen fies und gefährlich!“

Hamburger Morgenpost:
„…handfester Theaterspaß – solide, spannungsreich und mit guten Gags gespickt…“

Hamburger Abendblatt:
„…zwölf Wohltaten und eine Leiche im Handgepäck…“
„…rabenschwarze Krimikroteske…“